Das Überangebot steigt weiter
Übervolle Lager, dünne Nerven: Die Spirituosenbranche stolpert ins Jahr 2026
Der Robb Report – jenes Luxusmagazin, das sich sonst um Yachten, schnelle Autos, Uhren und andere Dinge kümmert, die man eher besitzt als braucht – widmet sich derzeit einem deutlich weniger glamourösen Thema: zu viel Alkohol. Also ... nicht im Glas, sondern im Lager.
Fünf der größten Spirituosenkonzerne der Welt – Diageo, Pernod Ricard, Campari, Brown-Forman und Rémy Cointreau – sitzen laut Robb Report auf unverkauften Beständen im Wert von rund 22 Milliarden US-Dollar. So viel Überhang gab es seit etwa zehn Jahren nicht mehr. Whisky, Cognac, Rum, Tequila: alles da. Nur keine Käufer!
Ein Berg aus Spirituosen – und keiner trinkt schnell genug
2025 war das Jahr, in dem die Branche feststellte, dass Märkte deutlich schneller kippen als Fässer reifen. 2026 liefert nun die Quittung: Lagerhäuser sind bis unter die Decke gefüllt, während die Nachfrage spürbar nachlässt. Offenbar hat man irgendwann vergessen zu prüfen, ob die Welt wirklich dauerhaft so viel trinken möchte, wie man es geplant hatte.
Warum die Lager voll sind – und die Bars leerer
Die Ursachen für die Überbestände hatte ich in meinem Bericht vom Dezember '25 schon erwähnt - hier nochmal kurz zusammengefasst:
- 🐢 Langsame Reife, schnelle Märkte: Whisky braucht zehn Jahre, Konsumtrends manchmal nur zehn Wochen.
- 😷 Pandemie-Optimismus: Man produzierte, als würde die Welt ewig im Homeoffice trinken.
- 🫗 Alkoholfreie Alternativen: Der Zeitgeist nippt aktuell lieber an Kombucha als an Cask Strength.
- 🚧 Exportprobleme: Handelshemmnisse und Wucher-Zölle bremsen den internationalen Absatz.
Kurz gesagt: Die Branche hat sich in den letzten Jahren ein wenig überschätzt – und die Konsumenten haben sich ein wenig verändert.
Preise runter, Puls rauf
Die Konsequenz ist ebenso banal wie unausweichlich: Wer zu viel produziert hat, muss verkaufen. Und wenn die Nachfrage nicht mitzieht, hilft nur der Griff zum Preisschild. Der Robb Report erwartet daher sinkende Preise. Für Konsumenten ist das eine erfreuliche Aussicht – schließlich sind die Preise in den Boomjahren so schnell gestiegen wie die Füllstände in den Lagerhäusern. Für die Produzenten hingegen ist es ein leiser, aber deutlicher Weckruf und die ebenso unbequeme Frage, ob man vielleicht doch ein paar Fässer zu viel gefüllt hat.
Das Dilemma: Bremsen ist auch keine Lösung
Edward Mundy (Analyst für Tabak und Spirituosen bei Jefferies) weist darauf hin, dass eine zu starke Reduktion der Produktion später nach hinten losgehen kann:
If you cut inventory during a downturn, you have huge problems when you’re trying to satisfy demand in the future. Ultimately, there’s an element of human judgement — you just don’t know what demand will look like in five years’ time.Wenn man in einer Rezession Lagerbestände zu stark reduziert, hat man später große Probleme, die Nachfrage zu befriedigen. Letztendlich spielt auch menschliches Urteilsvermögen eine Rolle – man kann einfach nicht wissen, wie die Nachfrage in fünf Jahren aussehen wird.
Mit anderen Worten: Egal, was man tut, man könnte es später bereuen.
Was bedeutet das für 2026?
Ob die sinkende Nachfrage nur eine Phase ist oder ein struktureller Trend, lässt sich derzeit nicht seriös beantworten. Klar ist nur: Volle Lager, veränderte Trinkgewohnheiten und wirtschaftliche Unsicherheit zwingen die Branche zu einer unbequemen Bestandsaufnahme.
Ein Trost bleibt – und der ist tatsächlich nicht ironisch gemeint:
Whisky wird im Alter selten schlechter.
Die Fässer warten geduldig. Ob die Konsumenten es auch tun, wird sich zeigen.
Quelle:
Robb Report, Artikel über die Lagerbestände großer Spirituosenkonzerne
Online abrufbar unter
robbreport.com.